Liebe Genoss*innen, Nachbar*innen und Freund*innen,

wir stellen mit großer Freude fest, dass sich anlässlich der gesundheitlichen Umstände derzeit zahlreiche nachbarschaftliche und stadtteilspezifische Solidaritätsstrukturen gründen. Wir finden es keinesweges selbstverständlich, dass sich Menschen derart schnell als kollektiv handlungsfähig erweisen. Das ist ein starkes Zeichen in Zeiten neoliberaler Vereinzelung. In den nächsten Wochen wird es viel darum gehen unseren Nachbar*innen ganz konkret in der Bewältigung ihres Alltags unter die Arme zu greifen. Dieser solidarische Ansatz ist das Fundament jedes linken Organisierungsversuchs, der Wurzeln in der jetzigen Gesellschaft schlagen und gleichzeitig auf eine andere Gesellschaft hinweisen und hinarbeiten will.
Wir möchten vorschlagen, unsere kommende Arbeit und Erfahrungen mit unseren Nachbar*innen zu teilen aber auch zu politisieren um davon ausgehend nachhaltige Alltagssolidarität und Organisierungsarbeit in Post-Corona-Zeiten leisten zu können. Denn diese – so viel ist sicher – wird nötig sein.

Die derzeitige Situation wird uns nicht nur vor die Herausforderung stellen, die unmittelbaren Eingriffe in unseren Alltag gemeinsam zu stemmen, sie wird – wohl früher als uns lieb ist – die Frage provozieren, wer eigentlich die Zeche für die Folgekosten zu zahlen hat. Die Bundesregierung bemüht sich in ihrem Krisenmanagement zur Zeit darum, die Märkte zu beruhigen, in dem wirtschaftliche Sofortprogramme versprochen werden. Der Staat steht also für die Wirtschaft ein. Wer jedoch für all die Menschen, die von Verdienstausfällen, Arbeitslosigkeit, damit einhergehenden Zwangsräumungen betroffen sind, einstehen wird, sollten wir möglichst schnell auf die politische Tagesordnung hieven.

Wir schlagen vor, die Faktoren um Corona als eine Zusammenkommen zu einer sozialen MEHR-fachkrise zu begreifen. Sie ist (1) eine Krise des Alltags, indem wir alle (wenn auch in höchst unterschiedlichem Maße) von kulturellen und sozialen Einschnitten betroffen sind. Sie ist (2) eine Krise der Reproduktion (Pflege und Fürsorgearbeit), in der viele Menschen (in sehr unterschiedlichem Maße) hinsichtlich ansonsten garantierter sozialer Daseinsfürsorge (wie Gesundheitsversorgung oder Erziehung) auf sich selbst zurückgeworfen werden und auf der anderen Seite als normative Reproduktionseinheit (Kernfamilie) in die Pflicht genommen werden. Sie ist (3) eine Krise der Produktion, indem Menschen ihres benötigten Einkommens beraubt und ihnen möglicherweise die damit zusammenhängenden Güter vorenthalten werden.

All diese und andere Krisenfaktoren bedürfen unterschiedlicher Maßnahmen unsererseits und wir sollten sie nicht isoliert bearbeiten. Ob wir wollen oder nicht, unsere nachbarschaftliche Arbeit funktioniert auch als kostenloses Krisenmanagement für ein marktwirtschaftlich organisiertes und infolge dessen verändertes Gesundheitssystem. Der Betrieb der Notaufnahme und Intensivpflege des UKJ kratzt ja schon in Normalzeiten an der Belastungsgrenze des Personals und der Patientinnen. Dort wurde und wird massiv gespart – und jetzt müssen wir einspringen … bzw. zuhause bleiben.

Wenn wir bei der nächsten Krise nicht wieder oder vielleicht noch mehr Nachbarschaftsnotfallarbeit leisten wollen, dann ist es unsere Aufgabe als progressiver Teil der Gesellschaft eine organisierte Struktur aufzubauen, welche die etablierten Parteien und Kapitalinteressen vor sich hertreiben kann – ob regional in Jena oder international. Diese Gegenmacht braucht und besteht aus der organisierte Mehrheit in den Vierteln, in den Produktionsbetrieben und den Dienstleistungsfabriken!

Wir möchten euch deshalb aufrufen, die konkrete Unterstützungsarbeit mit einer politischen Haltung zu leisten. Wir stellen uns das so vor, dass wir die Nöte, Sorgen, Bedürfnisse und Perspektiven unserer Nachbar*innen sammeln und in politische Forderungen übersetzen. Praktischerweise werden wir – wenn die Arbeit der nächsten Wochen Früchte trägt – auf zahlreiche Kontakte und Strukturen in den Stadtteilen zurückgreifen können, die in Nachbarschaftskomitees transformiert werden könnten.
So werden wir die Angriffe des Kapitals nicht nur besser abwehren können, sondern gestärkt aus der Dreifachkrise hervorgehend in die Offensive gehen können und Forderungen, die wir uns momentan noch gar nicht zu äußern trauen, selbstbewusst in die Öffentlichkeit tragen.
Solidarität und Agitation sind kein Widerspruch, sondern zwei einander bedingende Seiten ein und derselben Medaille!

Um unsere Anregung direkt praktisch werden zu lassen machen wir folgenden Vorschlag:

  1. Wir sammeln unsere Erfahrungen
  2. Wir sammeln unsere Forderungen
  3. Wir einigen uns auf einer Telefonkonferenz auf die Kernforderungen
  4. Wir wählen ein Team welches die Thesen ausformuliert
  5. Wir veröffentlichen den Forderungskatalog im Namen aller Beteiligter als PM, als Aushänge, als Flyer in Briefkästen etc. und rufen weitere Initiativen, Organisationen, etc. dazu auf, ihn zu unterschreiben.
    Hier ist das PAD: https://pad.riseup.net/p/PRf4gwPY70hOESAIcXlc-keep

Hoffnungsvolle und solidarische Grüße!